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Berliner Zahnärzte in Wissenschaft und Praxis alarmieren: Immer mehr Berliner Kitas stellen das gemeinsame Zähneputzen ein...

Die Kinder an der Paula-Fürst-Schule zeigten den Pressevertretern im Zahnputzraum der Schule, wie sie das mit dem Zähneputzen nach dem Mittagessen machen. Unterstützung bekamen sie von Rainer Grahlen/LAG Berlin (links), Isabell Pein/Grundstufenleiterin der Paula-Fürst-Schule, und Dr. Michael Dreyer/Vizepräsident der Zahnärztekammer Berlin (rechts).

... und „Zähneputzen in der Schule“ fällt fast überall aus

 

Presseinformation der Zahnärztekammer Berlin in Zusammenarbeit mit der LAG Berlin / Landesarbeitsgemeinschaft zur Verhütung von Zahnerkrankungen vom 23. Oktober 2013

Eine Untersuchung der Landesarbeitsgemeinschaft Berlin zur Verhütung von Zahnerkrankungen/LAG hat gezeigt, dass im Schuljahr 2012/2013 fast 4 % aller Berliner Tageseinrichtungen das Zähneputzen eingestellt haben – damit fallen derzeit bereits rund 7 % aller Kita-Kinder, in Zahlen: rund 8000 Berliner Kita-Kinder im klassischen Zahnputzalter aus dem regelmäßigen Zahnputzprogramm heraus. Die Tendenz scheint steigend. Das ist eine mehr als kritische Entwicklung, denn damit geht die gesundheitliche Chancengleichheit verloren: Bisher konnte auch denjenigen Kindern wenigstens eine Mundpflege täglich ermöglicht werden, die diese zu Hause nicht erhalten. Und die Entwicklung steht in einem gefährlichen zeitlichen Zusammenhang mit dem Vormarsch der frühkindlichen Karies: Wissenschaftler im Bereich der Kinderzahnheilkunde weisen darauf hin, dass die Zahl geschädigter Milchzähne mittlerweile wieder ansteigt und damit der Anfang einer Kette entsteht aus ungesunder Mund- und Gesundheitsentwicklung und damit letztlich auch nicht selten teurer „Reparatur-Maßnahmen“.

Die Berliner Zahnärztekammer, die LAG und die Abteilung für Kinderzahnheilkunde und Kieferorthopädie der Charité starten jetzt gemeinsam einen Aufruf an die Senatsverwaltung, an die Träger von Kitas und an diejenigen Kindertagesstätten, die aus verschiedenen Gründen das gemeinschaftliche Zähneputzen nicht mehr anbieten. Aus dem Anschreiben seitens Prof. Dr. Paul-Georg Jost-Brinkmann, Wissenschaftlicher Leiter der Universitätsklinik für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Charité: „Jenen Kindern, die daheim mit dem Zähneputzen nicht vertraut gemacht werden, müssen wir die Chance geben, dieses einfache, ihre Gesundheit erhaltende Ritual zu lernen und zu verhindern, dass die bei ihnen entstehende Karies vor dem Hintergrund der Kindeswohlvernachlässigung diskutiert werden muss.“ Und weiter: „Tägliches Zähneputzen muss eine Selbstverständlichkeit in allen Tageseinrichtungen sein bzw. wieder werden!“ Er stehe den Kitas für Vor-Ort-Termine und „Überzeugungsarbeit außerhalb des akademischen Elfenbeintumes“ gern zur Verfügung.

 

Bei dem Pressegespräch aus Anlass dieser Entwicklung wies Dr. Michael Dreyer, Vizepräsident der Zahnärztekammer Berlin und stellvertretender Vorsitzender der LAG, auf ein weiteres Dilemma hin, das sich im Zuge der Erhebungen zum Thema „Zähneputzen in der Schule“ aus Anlass des diesjährigen Tages der Zahngesundheit zeigte: „Wir sehen nicht nur das Zähneputzen in der Kita bedroht, sondern noch eine weitere kritische Entwicklung: Wir haben mit viel gemeinsamem Einsatz von Zahnärzten und den Teams der Landesarbeitsgemeinschaft zur Verhütung von Zahnerkrankungen/LAG dafür Sorge getragen, dass fast alle Kinder in den Kitas regelmäßig Zähne putzen und lernen, dass Mundgesundheit wichtig ist und dass man etwas dafür tun kann. Dann kommen die Kinder in die Schule – und hier passiert dann schlagartig so gut wie nichts mehr. Zähneputzen in der Schule, wie es der diesjährige Tag der Zahngesundheit gefordert hat, ist in Berlin offenbar eine Rarität, man möchte fast sagen: eine Exklusivität.“ Das gehöre geändert: Studien hätten gezeigt, dass Kinder gerade in der Altersklasse der Schulstarter enorm lernbegierig und begeisterungsfähig seien – auch für das Wissen um Gesundheit und Körper. Es ist das Alter, in dem der Grundstein für gesundheitliche Selbstverantwortung gelegt werde. Hinzu käme, dass Kinder, die in der Kita regelmäßig Zähne putzten, Untersuchungen zufolge gesündere bleibende Zähne haben als Kinder, die nicht putzten. „Gemeinsames Zähneputzen ist ein Teil der Gruppenprophylaxe-Arbeit,“ so Dr. Dreyer, „und das zahlt sich für die Kinder und damit auch für die Gesellschaft aus!“ Die Schulzeit sei die Lebensphase des Wechselgebisses, in der die Milchzähne endgültig gehen und die bleibenden Zähne kommen: „Hier fängt an, was ein Leben lang gesund bleiben und halten soll. Die Grundschulkinder heute werden vielleicht hundert Jahre alt. Nur mit gesunden Zähnen lassen sich spätere Zahnbehandlungskosten weitgehend vermeiden. Zudem ist erwiesen, dass Mundgesundheit und Allgemeingesundheit eng verzahnt sind: Eine Investition in Mundgesundheit zahlt sich auch hinsichtlich einer Risikominimierung für Allgemeinerkrankungen aus!“

Gesellschaftliche Veränderungen wirkten auch in etablierte Abläufe ein: Mit der anstehenden Wandlung von Schulen zu Ganztagsschulen (laut aktueller Daten geht bundesweit bereits jedes 3. Kind in eine Ganztagsschule) blieben immer mehr Kinder den ganzen Tag ohne die Möglichkeit einer Mundhygiene. Viele Kinder kämen, Erfahrungen zufolge, schon mit ungeputzten Zähnen in die Schule und präferierten ungesunde Pausenernährung. Nicht selten seien es gerade auch Kinder aus Familien, die das Kümmern um die Mundhygiene der Kinder überfordere. Hier schaffe das Angebot „Zähneputzen in der Schule“ einen gewissen sozialen Ausgleich. Zähneputzen in Kita und Schule stehe daher in gesellschaftlicher und politischer Verantwortung und werde seitens der Zahnärzteschaft konstruktiv unterstützt.

 

Erstklässler in Berlin: Nur jedes 2. Kind mit gesunden Zähnen

Bei Schulstart hat nur jedes 2. Berliner Kind kariesfreie Zähne – darauf wies Rainer Grahlen hin, der Geschäftsführer der LAG/Landesarbeitsgemeinschaft Berlin zur Verhütung von Zahnerkrankungen. So waren zu Beginn des Schuljahres 2011/2012 nur 51,7 % der Berliner Schulstarter kariesfrei, 21 % hatten behandelte Zähne, und fast jedes vierte Kind war behandlungsbedürftig. Es zeigten sich soziallagenbezogene Unterschiede in den Kariesdaten der Bezirke. Maßnahmen wie tägliches Zähneputzen in der Schule wären daher zusammen mit der zahnmedizinischen Gruppenprophylaxe erforderlich, um einerseits die „schlechten“ Zahngesundheitswerte zu verbessern. „Hier muss noch viel getan werden“, so Grahlen. Andererseits müssen auch die „guten“ Werte erhalten bleiben. Auch hierfür ist das Putzen in der Schule wichtig, denn „der Tiger Karies schläft nie“. Die LAG wies auch darauf hin, dass eine gute Mundgesundheit der Kinder ein Gemeinschaftsergebnis aller an der Mundgesundheit Beteiligten sei – den in der zahnmedizinischen Gruppenprophylaxe Tätigen, d. h. also neben den LAG-Prophylaxefachkräften die Berliner bezirklichen Zahnärztlichen Dienste (ZÄD) und  die Zahnarztpraxen. Im Rahmen der Berliner Gruppenprophylaxe werden jährlich rund 3.000 Kindergärten und Schulen besucht und dabei fast 360.000 Kinder bzw. Schüler in 20.000 Gruppen und Klassen erreicht. Neben der direkten Arbeit mit den Kindern/Schülern stellt die Einbeziehung von Eltern, Erziehern und Lehrern in den Prozess der Mundgesundheitsförderung einen wichtigen Faktor dar. Grahlen unterstrich, dass die LAG gemeinsam mit der Zahnärzteschaft in Wissenschaft und Praxis nicht locker lassen werde, bis das regelmäßige Zähneputzen in den Berliner Kindertagesstätten wieder flächendeckend sichergestellt werde: „Nur dann haben Chancengleichheit und Vorbeugung eine Chance, die Kinder zahngesund erwachsen werden zu lassen!“

 

Zähneputzen in der Schule: Musterbeispiel Paula-Fürst-Schule in Berlin

Nur wenige Schulen in Deutschland zeigen, dass Zähneputzen durchaus kombinierbar ist mit dem Schulablauf. Eine dieser Schulen ist die Paula-Fürst-Schule, eine Gemeinschaftsschule in Berlin, in der auch die Pressekonferenz stattfand. Schulleiter Martin Grunenwald machte deutlich, dass man als öffentliche Schule, deren Träger die Schulverwaltung ist, eine baulich installierte Zahnputzeinrichtung an einer Schule realisieren kann. Genaugenommen sei die Installation sogar auf die Initiative des Schulträgers zurückzuführen und entsprechend ohne größere Hürden zu verwirklichen gewesen. Der vorhandene Zahnputzraum sei im Schuljahr 2008/2009 installiert worden und werde engagiert durch das Pädagogen-Team betreut. Derzeit werde die Zahnputzeinrichtung von rund 200 Kindern pro Tag genutzt. Auf die Frage, ob das Zähneputzen nicht den Schulablauf störe, meinte er: „Es handelt sich um ein Ritual: Nach dem Mittagessen Zähne putzen nicht vergessen...“ Eine Gefahr, dass dieses Ritual aufgegeben werden könnte, sah Schulleiter Grunenwald nicht: „Unser Pädagogen-Team findet das Zähneputzen in der Schule als eine wichtige und durchaus auch nachahmenswerte Sache!“