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18. Berliner Zahnärztetag: Parodontologie und Orale Medizin als Besuchermagnet

18. Berliner Zahnärztetag: Parodontologie und Orale Medizin als Besuchermagnet

Presseinformation der Zahnärztekammer Berlin vom 12. April 200

Parodontologie und Orale Medizin als Besuchermagnet
Die Parodontologie stehe, so Prof. Dr. Jörg Meyle bei seinem Übersichtsvortrag zum 18. Berliner Zahnärztetag am 19. März 2004, sicher mitten im Zentrum aller zahnmedizinischen Disziplinen ist und sei letztlich mit allen Bereichen eng verknüpft. Nachdem in den westlichen Industrieländern die Karies zurückgegangen sei, sei die hohe Prävalenz parodontaler Erkrankungen in den Vordergrund gerückt. Heute zeigten über zwei Drittel der 65-74jährigen mittlere bis schwere parodontale Erkrankungen. Die Alterspyramide müsse jedem Zahnarzt deutlich vor Augen halten, was in dieser Hinsicht auf die Praxen zukäme. Man müsse sich fragen, wie mit den Erkenntnissen von heute diese zu erwartende Entwicklung aufgehalten werden könne.

„Man sieht nichts“
Um Parodontopathien eindämmen zu können, müsse man noch besser über sie Bescheid wissen. Bekannt sei mittlerweile, dass Zahnbetterkrankungen unterschiedlich schnell verliefen, auch der Zahnverlust sei individuell verschieden. Nicht bekannt seien die exakten Gründe dafür, obwohl einige biologische Zusammenhänge bereits festgestellt und weiter erforscht würden. Ein weiteres Risiko neben fehlendem Wissen um Ursachen und Entwicklungen sei der versteckte Verlauf parodontaler Erkrankungen.

Prof. Meyle zeigte eine gesund und ästhetisch wirkende Mundsituation und fragte die rund 800 Teilnehmer im Saal: „Hand aufs Herz – wer würde diese Patientin parodontal durchsondieren?“ Es meldeten sich weniger als 1 %. „Das ist das Problem: Man sieht nichts!“ Entgegen dem ersten Anschein habe er Sondierungstiefen von bis zu 7 mm gefunden, seine Konsequenz und dringende Empfehlung an seine Kollegen daher: „Eine parodontale Untersuchung kann sich nicht in einer Mundinspektion erschöpfen. Viele Entzündungen entziehen sich der visuellen Betrachtung. Eine parodontale Untersuchung muss mit einer Sonde erfolgen und gegebenenfalls durch eine Röntgenaufnahme unterstützt werden!“ Fortschreitende Parodontopathien könnten nur durch frühzeitiges Eingreifen vermieden werden, so Prof. Meyle, und rief seinen Kollegen im Saal zu: „ Screeening, Screening, Screening!“ Dabei leiste der PSI / Parodontalte Screen Index eine zuverlässige Hilfe.

Risiken begreifen und weitgehend gegensteuern
Studien zur Risikoevaluation in verschiedenen Kulturkreisen (Norwegen, Sri Lanka) hätten gezeigt, dass bei der Gruppe mit Therapie und Mundhygieneinstruktion (Norwegen) fast kein Attachmentverlust gefunden wurde, bei derjenigen ohne Behandlung und Hygieneunterweisungen (Sri Lanka) dagegen ein deutlicher Verlust an Attachment und auch an Zähnen. „Durch intensive Prophylaxe-Intervention ist eindeutig viel vermeidbar, wir müssen unerwünschte Entwicklungen schon im jungen Erwachsenenalter reduzieren.“

Hinsichtlich biologischer oder habitueller Aspekte bezüglich Auftreten und Voranschreiten von Parodontopathien sei festzuhalten, dass auch ungünstige Kronenränder das Gewebe belasten und die mikrobielle Flora verändern könnten. Rauchen sei zu recht als erhebliches Risiko bekannt.
Einige angeborene generalisierte Immundefekte könnten zu Gewebezerfall und bereits im Kindes- und Jugendalter zu Nekrosen führen. Auch erworbene Immundefekte seien zu beachten. Bestimmte Bakterien riefen eine „Wirtsantwort“ hervor und lösten eine Veränderung des Bindegewebs- und des Knochenstoffwechsels aus. Seine Kollegen sollten bedenken, dass bei Attachmentverlust von mehr als 2 mm in beinahe jedem zweiten Fall eine genetische Störung ursächlich sein könne. Derzeit werde nach diagnostischen Markern gesucht, die das Erkennen der Störung und die entsprechende Therapie verbessern helfen sollen. „Bisher ist eindeutig, dass die Frage nach speziellen Risikofaktoren den Recallzeitraum mitbestimmt“, sagte Prof. Meyle. Bei den antiinfektiösen Maßnahmen habe das klassische Deep-Scaling auch ohne antibiotische Therapie gute Erfolge gebracht: „Eine kontinuierliche konservative Lokaltherapie reduziert die Zahnmortalität um 58%!“

Emdogain-Therapie etabliert
Bei den chirurgischen Maßnahmen habe sich die Emdogain-Therapie inzwischen etabliert – diese Methode sei übrigens, das habe er bei Recherchen entdeckt, bereits 1927 in Berlin erfunden worden: „Berlin war ganz weit vorn – das hat mich schon sehr beeindruckt!“ Auch neuere Untersuchungen anderer Parodontologen (er zitierte u.a. Prof. Wachtel/München) hätten gezeigt, dass bei einer Emdogain-unterstützten Therapie ein deutlicher Attachment-Gewinn erreichbar, sogar dem Membranverfahren noch leicht überlegen gewesen sei.

Parodontologie an den Hochschulen unterbewertet
Ganz im Gegensatz zu der Bedeutung der Parodontologie im gesamten Spektrum der ZMK sei an den Hochschulen das Thema – z.B. im Vergleich mit der Chirurgie – zumeist erheblich unterbewertet, entsprechende Abteilungen seien sehr klein. Er rief Standespolitiker und Praktiker dazu auf, die Wissenschaft bei einer Veränderung dieser Situation aktiv zu unterstützen. Hinsichtlich der Rolle der Parodontologie an den Hochschulen erhielt Prof. Meyle Unterstützung durch den wissenschaftlichen Leiter des Berliner Zahnärztetages, Prof. Dr. Peter A. Reichert / Charité: „In Berlin wird seitens der Klinikführung sogar diskutiert, ob der parodontale Bereich überhaupt bleibt...“ Die Parodontologie an den Hochschulen und in den Praxen müsse intensiviert werden, so Prof. Meyle, dabei kritisierte er ausdrücklich die jüngst veröffentlichte Haltung der BZÄK zum Berufsbild der DHs: „Wenn man so diskutiert und denkt, nützt das den Patienten gar nichts!“

Orale Medizin: „Wir sind Zwerge!“
Sie sei „winzig klein und in Deutschland extrem vernachlässigt“ – das sagte Prof. Dr. Peter A. Reichert/Charité in seinem Übersichtsbeitrag über Orale Biologie/Orale Medizin beim 18. Berliner Zahnärztetag, dem er auch als wissenschaftlicher Leiter vorstand. Er habe sich daher gefreut, dass die Berliner Zahnärzteschaft bei einer Wunschthemenumfrage im Vorfeld des Kongresses gerade dieses Thema deutlich auf Platz 1 gesetzt hätte und auch derart zahlreich zur Tagung gekommen sei. Die Zahnmedizin müsse zurück zur Medizin, da sei die Orale Medizin eine hervorragende Brücke – vielleicht aber sei sie auch eine grundsätzlich neue Medizin. Er machte entschieden deutlich, dass Orale Medizin etwas eigenes sei und keineswegs, wie oft missverständlich zu hören, ein anderer Begriff für die Zahnmedizin schlechthin.

Auch in den Köpfen der Kollegen sei die Orale Medizin als spezielles Thema noch nicht fest etabliert. Bei einer Auswertung von Fachpublikationen habe sich gezeigt, dass gerade 5 % aller Beiträge die Orale Medizin zum Thema hatten. Es sei einfach so, dass Deutschland gut sei in Technik und Materialkunde wie zum Beispiel in der Implantologie: „Biologisch aber sind wir Zwerge!“ Die Orale Medizin beschäftige sich mit nicht-chirurgischen Erkrankungen des Mund-Kiefer-Gesichtsbereiches, beispielsweise mit blasenbildenden Dermatosen, Xerostomie, Burning Mouth Syndrome, Kiefergelenksstörungen, chemosensorische Störungen wie z.B. Halitosis, Immunsuppressionen, neurologische und neuropsychiatrische Störungen u.a.m.. In der Zukunft werde man zudem verstärkt mit Problemen vor und nach Organtransplantationen zu tun haben, mit dem zunehmenden Alter der Patienten würden auch Nebenwirkungen von Medikamenten und neben anderen mehr auch orale psychosomatische Probleme Raum in den Praxen einnehmen und gut geschulte Behandler fordern.

Anhand von Beispielen nahm er die rund 800 Teilnehmer im Saal mit auf den Weg zur richtigen Diagnose anhand von zahlreichen Fallbeispielen:
Sind die weißen Erhebungen in der Wangenschleimhaut nun Präkanzerosen oder lediglich Folgen von leichteren Stressstörungen mit unbemerktem Wangenkauen?
Weist dieses oder jenes Leukoplakiemuster auf eine Karzinom-Zukunft hin oder nicht?
Er beschrieb verschiedene optische Zeichen von Lichen und zeigte, dass ein Zahnarzt auch bisher unerkannten Morbus Crohn an Veränderungen im Mund feststellen könne.

Es sei bedauerlich, so Prof. Reichert, dass unter Kanzler Schröder zwar die Technikforschung, nicht aber die biologische vorangetrieben werde, dabei gebe es hier viele interessante Ansatzpunkte wie z.B. das Einbringen von Medikamenten über Implantate. Die Zukunft werde klar zeigen, dass die orale Biologie ein integraler Bestandteil der Zahnmedizin sein werde.

Themen und Workshops beim 18. Berliner Zahnärztetag:
Workshops:

  • Regenerative Therapie / BIORA / Dr. S. Hägewald
  • Neue wissenschaftliche Ergebnisse in der nichtchirurgischen, chirurgischen und regenerativen Parodontaltherapie / GEISTLICH / PD Dr. Dr. A. Sculean, MS.
  • Minimalinvasive PAR-Therapie / Dr. O. Zuhr
  • Differentialdiagnostik, Mundschleimhauterkrankungen, Prof. Dr. P. A. Reichert

Kongressprogramm:
Diagnostik

  • Diagnostik bei Mundschleimhauterkrankungen, PD Dr. A.-M. Schmidt-Westhausen
  • Spektrum der klinischen PAR-Diagnostik – Klassifikation und Nomenklatur, PD Dr. P. Ratka-Krüger
  • Grenzen der mikrobiologischen Diagnostik – Risikobewertung, OA Dr. P. Purucker
  • Kriterien der Gutachterbewertung: Unterversorgung – Überversorgung –Fehlversorgung, Dr. U. Maier

Therapie

  • Chirurgische oder nicht-chirurgische Parodontaltherapie? Prof. Dr. P. Eickholz
  • Lokale oder systemische Antibiotikatherapie? Dr. Dr. Th. Beikler
  • Parodontaltherapie: Compliance – das erforderliche Patientenmanagementkonzept, Dr. B. Heinz
  • Therapiekonzepte bei Mundschleimhauterkrankungen, Prof. Dr. Dr. T. E. Reichert
  • Die systematische PAR-Behandlungsplanung, Dr. B. Simon
  • Perio-Prothetik: Behandlungskonzepte, Dr. B. Borchard
  • Paro-implantologische Behandlungskonzepte, Dr. O. Zuhr

Zahnmedizin interdisziplinär

  • Risikofaktoren Parodontologie und Allgemeinerkrankungen, Pof. Dr. Th. Kocher
  • Die Rolle des zahnärztlichen Teams bei der Raucherentwöhnung, Dr. Ch. Ramseier
  • Die parodontologisch orientierte Praxis – Management und Wirtschaftlichkeit, Dr. W. Westermann

LIVE-OP:
Chirurgische Parodontitis-Therapie mit regenerativem minimalinvasivem Behandlungskonzept, Dr. F. Beck