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Verleihung der Ewald-Harndt-Medaille 2008

Die diesjährige Ehrung an den Zahnarzt Otto Berger erfolgte posthum, bei der Ehrung anwesend waren (von links) der Sohn des Geehrten, Prof. Manfred Berger, Dr. Oliver Speyer, Enkel des Geehrten und Zahnarzt in Lübbecke, Dr. Dr. Jürgen Weitkamp, Präsident der BZÄK und Dr. Wolfgang Schmiedel, Präsident der Zahnärztekammer Berlin und Laudator.

Saalbild.Otto_Berger

Ewald-Harndt-Medaille 2008 posthum an Zahnarzt Otto Berger

 

„Die Berliner Kammer war so mutig“, sagte BZÄK-Präsident Dr. Dr. Jürgen Weitkamp im Rahmen der Eröffnung des 22. Berliner Zahnärztetages am 8. Februar 2008 im ICC / Berlin anlässlich der bevorstehenden Verleihung der Ewald-Harndt-Medaille durch die Zahnärztekammer Berlin, „einen Kollegen posthum zu ehren, der Selbstlosigkeit, Aufrichtigkeit und Beharrlichkeit repräsentiert und, im besten Sinn des Wortes, Freiberuflichkeit, dies zudem verbunden mit sozialer Verantwortung – so, wie ich mir unseren Beruf vorstelle.“ Er gratuliere der Berliner Kammer zu ihrer Wahl des diesjährigen Preisträgers und hoffe, dass diese Ehrung breit in die Öffentlichkeit transportiert werde.

 

Seit dem Jahre 2001 verleiht die Zahnärztekammer Berlin die „Ewaldt-Harndt-Medaille“, seit 2003 im Rahmen der Eröffnung des Berliner Zahnärztetages. Erinnert wird dabei an den Namensgeber der (von der KPM in Porzellan gefertigten) Ewald-Harndt-Medaille, den langjährigen Leiter der Berliner Poliklinik für Zahn-, Mund und Kieferkrankheiten und späteren ersten Rektor der Freien Universität Berlin. Dr. Wolfgang Schmiedel, Präsident der Zahnärztekammer Berlin: „Vor allem aber ehren wir Kolleginnen und Kollegen, die sich in herausragender Weise um den zahnärztlichen Berufsstand verdient gemacht haben.“

 

Erstmals wurde nunmehr die Medaille posthum verliehen – an den Berliner Zahnarzt Otto Berger, 1900 in Oppeln geboren und 1985 in der Nähe von Darmstadt verstorben. In seiner Laudatio sagte Dr. Schmiedel: „Ich empfinde tiefe Dankbarkeit, dass es mir vergönnt ist, in diesem Jahr den Kollegen Otto Berger zu ehren, der sich in selbstloser und vorbildlicher Weise, mutig und unter Gefahr für das eigene Leben in der Zeit des Nationalsozialismus für andere Menschen, hier insbesondere für unseren jüdischen Kollegen Fedor Bruck eingesetzt hat.“

 

Dr. Schmiedel erinnerte an die härtesten Kriegszeiten mit Vernichtung und Verfolgung, berichtete über die durch Bomben zerstörte Praxis von Otto Berger am Kurfürstendamm und seinen „herausragenden, couragierten und humanen Einsatz für von Verschleppung oder mit dem Tode bedrohte Mitmenschen in der Zeit der Nazi-Schreckensherrschaft.“ Die seit 1943 begonnene tätige Hilfe gegenüber vom NS-Regime verfolgten Menschen erfuhren unter anderem sein jüdischer zahnärztlicher Kollege Fedor Bruck, der Leiter der jüdischen Friedhofsverwaltung Artur Brass sowie der ehemalige Leiter der jüdischen Kultusgemeinde, Herr Glass.

 

Dr. Schmiedel wies beispielhaft auf die Geschichte des jüdischen Zahnarztes Fedor Buck hin, der im Oktober 1942 von der jüdischen Kultusgemeinde zu Berlin die Benachrichtigung von seiner bevorstehenden Deportation erhielt. Seither habe er sich verstecken müssen, um dem sicheren Tod zu entgehen. Über seinen Kontakt zu Otto Berger schrieb Fedor Bruck 1964 in einem Brief:

 

„Ich lernte Herrn Otto Berger im Frühjahr 1943 kennen. Als er bei dieser Gelegenheit erfuhr, dass ich als Rassenverfolgter ein illegales Leben führe, versorgte er mich gleich bei dieser ersten Begegnung mit Lebensmitteln und bot mir an, mich bei sich aufzunehmen. Dieser Fall trat kurze Zeit später ein und ich zog Anfang Juli 1943 in die Wohnung von Otto Berger.“

 

Auch Otto Berger hat über diese Zeit in seinem Leben später berichtet und dabei auch deutlich gemacht, dass er zuerst gar nicht wusste, dass Fedor Bruck ein Berufskollege sei – es sei für ihn eine Selbstverständlichkeit gewesen, „einem verfolgten Juden Unterschlupf zu gewähren.“ Er hatte unterstützende Helfer, darunter u.a. den späteren Zahnarzt Werner Dolata, damals zahnärztlicher Praktikant in der Praxis von Otto Berger, nunmehr Stadtältester von Berlin – er wurde durch Applaus für seine Teilnahme an der Ehrung Otto Bergers im ICC begrüßt.

 

Die Ewald-Harndt-Medaille der Zahnärztekammer Berlin ist nicht die erste Auszeichnung, die Otto Berger für sein mutiges Engagement – in diesem Fall posthum - erhielt: 1964 wurde er vom damaligen Bürgermeister Willi Brandt für seinen herausragenden menschlichen Einsatz geehrt, 1974 folgte dann eine Einladung des Bundespräsidenten in das Schloss Bellevue, um, wie der Bundespräsident schrieb, mit Otto Berger den Menschen kennen zu lernen, der während der NS-Zeit Verfolgten uneigennützig Hilfe gewährt hat.

 

Das Ende der Nazizeit brachte für den jüdischen Zahnarzt Fedor Bruck einen besonders ungewöhnlichen Moment. Dr. Schmiedel: „Dem mit Hilfe Otto Bergers überlebenden Kollegen Fedor Bruck, dies sei der Vollständigkeit halber erwähnt, wurde von den Alliierten nach Kriegsende die Praxis des obersten SS-Zahnarztes Dr. Blaschke, seines Zeichens Leibzahnarzt von Adolf Hitler, am Kurfürstendamm zugewiesen. Es gilt als ‚Treppenwitz’ der Geschichte, wobei das Wort ‚Witz’ auszusprechen mir schwer fällt, dass es eben jener Fedor Bruck war, der anschließend von den Russen aufgefordert wurde, als Zeuge an der Identifizierung der verbrannten Leiche Adolf Hitlers an Hand dessen Zahnstatus persönlich zugegen zu sein.“

 

Otto Bergers Einsatz für von Verschleppung und Tode bedrohte Menschen sei dem Berufsstand Vorbild und Verpflichtung zugleich, er bedauere aufs Tiefste, sagte Dr. Schmiedel, dass die heutige Ehrung viel zu spät und erst posthum erfolge. Die Ehrung sei nicht „als Aufarbeitung der berufsständischen Geschichte des sogenannten Dritten Reiches zu verstehen“. Zwischen 1933 und 1939 seien rund 40 % aller Zahnärzte in Berlin, fast 600 Kollegen, jüdischer Abstammung und von der nationalsozialistischen Verfolgung betroffenen gewesen. Auch die Kassenzahnärztliche Vereinigung Berlin habe sich dieses längst überfälligen Themas Aufarbeitung angenommen, u.a. seien so genannte „Stolpersteine“ und eine Gedenktafel bereits in Planung.

 

Die Ewald-Harndt-Medaille nahm Otto Bergers Sohn, Professor Manfred Berger entgegen zusammen mit dem Enkel des Geehrten, dem Lübbeckener Zahnarzt Dr. Oliver Speyer. Die Teilnehmer der Veranstaltung erhoben sich zuvor für eine Schweigeminute und gedachten damit ihres Kollegen Otto Berger und, wie Dr. Schmiedel betonte, gleichzeitig „aller jüdischen Kolleginnen und Kollegen, die allein auf Grund ihres Glaubens in der Zeit des Nationalsozialismus ihr Hab und Gut sowie Leib und Leben verloren haben.“